UPDATE 28.01.2005

HiAZ, 25.1.2005

Große Gefühle zum Mitsingen

Die Band "Gallop" verzaubert in der Bischofsmühle

HILDESHEIM. "Pop muss nicht immer banal sein", hat ein Kritiker über die Band "Gallop" geschrieben. Wahre Worte, das Dumme daran ist: Je banaler der Pop, desto interessierter die Masse. Beim zweiten "Gallop"-Gastspiel war die Mühle etwas besser besucht als beim ersten Mal im Herbst 2003, doch voll war sie bei weitem nicht. Schade, denn so gute Songs wie jene des Kanadiers Martin Gallop bekommt man in Hildesheim nicht alle Tage zu hören.

Das Konzept der Band ist ganz auf ihren Chef und Namensgeber zugeschnitten. Martin Gallop singt und spielt elektrische Gitarre - sicher könnte er seine Songs auch in klassischer Singer-/Songwriter-Manier solo spielen. Lieber jedoch vertraut er seiner norddeutschen Band, mit der er seit rund zwei Jahren zusammenarbeitet. Und die mitgebrachte akustische Gitarre lässt er unbeachtet an der Bühnenseite stehen.

Die meisten Stücke gehorchen dem Prinzip der freiwilligen Beschränkung. Joe Finck an den Drums, Rainer Lochmann am Bass und vor allem Jörg Wockenfuß tun nur so viel, dass Stimme und Melodie optimal getragen werden. Nie versucht jemand, sich in den Vordergrund zu spielen. Das ist songdienlich bis zur Selbstaufgabe: Zwischendurch merkt man bei einem vertrackten Drum ´n´ Bass-Beat, dass Joe Finck ein kompetenter Vertreter seines Fachs ist. Doch meist trommelt er unkomplizierte, gerade Rhythmen, die Musik auf eine sehr entspannte Weise vorantreiben. Bei Jörg Wockenfuß spiegelt sich die Reduzierung der Mittel sogar im Instrumentarium wieder: Er spielt nur ein altes E-Piano nebst einem fast ebenso alten Roland-Synthie (den legendären "Juno 6") und erzeugt so einen spezifischen, unverwechselbaren Sound, der neben Gallops Stimme zum wichtigsten Markenzeichen der Gruppe geworden ist.

Die Stimme: Besonders im ersten Stück und auch später erinnert sie immer wieder an "Lambchops" Kurt Wagner, aber sie oszilliert auch irritierend Richtung Paul Simon. Sie hat ihren eigenen Charme und kommt einem zugleich vertraut vor. Das gilt ebenso für die Songs: Die Melodien haken sich unmittelbar in den Ohren fest, von den "Counting Crows" bis Bruce Springsteen lassen sich Einflüsse heraushören. Doch nie käme man auf die Idee, diese Musik für ein Plagiat zu halten.

Die cleanen Gitarrenpickings sorgen dafür, dass die Stücke viel Luft zum Atmen haben, um sich selten in plötzlichen Crescendi zu entladen. "Deep Water" ist so ein Beispiel. Ihren vielleicht schönsten Song spielt die Band in der Mühle in einer grandiosen, leuchtenden Version: große Gefühle mit genau dem richtigen Quäntchen Pathos. "Grindstones", "Sick Of Missing You" haben gleiche Qualitäten - hier passt einmal das abgegriffene Bild von den Pop-Perlen.

Nebenbei beherrscht Martin Gallop auch die Kunst, eindringliche Balladen zu schreiben. Ein paar davon spielt die band, ließ es dann aber sein, weil die leisen Lieder vom Hildesheimer Publikum in bewährter Manier tot gequatscht wurden. Dass so etwas in allen Clubs dieser Stadt jedes Mal passiert, sobald eine Band nicht nur Rambazamba verbreitet, stimmt ein wenig traurig. In Italien müssen die Bars seit Jahresbeginn eigene Raucherzimmer einführen. In Hildesheim wäre man für schallisolierte Quassler-Ecken dankbar.

ran